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Die Evolution des Menschen

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Vor knapp sieben Millionen Jahren begann in Afrika die Erfolgsgeschichte des Menschen. Mit vielen, vielen Zwischenstufen wurde daraus der heutige Mensch. Und der eroberte bald fast den gesamten Erdball. Lernt die Entwicklung des Menschen mit tollen Animationen kennen!
Die Evolution des Menschen
Wann begann die Geschichte des Menschen?

Sanft rauschen die Wellen des Meeres gegen den Strand, als sich die kleine Gruppe morgens von ihrem Lager erhebt. Ohne Hast sammeln die schmächtigen Männer und Frauen, was sie für ihr Frühstück brauchen: ein paar Muscheln aus dem Meer, Früchte von Bäumen. Noch steht die Sonne tief, als der Anführer das Zeichen zum Aufbruch gibt. Los!

Es sind nur wenige Menschen, die an diesem Tag vor 100 000 Jahren loswandern und an der Küste des heutigen Ägypten in Richtung Asien ziehen. Vielleicht 20 Männer, Frauen und Kinder. Was sie antreibt, kann man nur vermuten: Ist es die Suche nach Nahrung? Oder ein Streit mit anderen Clans? Vielleicht sind sie auch einfach neugierig, einmal eine neue Gegend zu erkunden. Fest steht: Zum ersten Mal verlässt der “moderne Mensch” seine Heimat Afrika. Menschen, die bereits so aussehen wie wir heute, machen sich auf, die Welt zu entdecken.

Bis zu diesem Aufbruch ist es ein weiter Weg gewesen

Wann begann die Geschichte des Menschen? Das ist noch unbekannt. Sicher ist, dass unsere frühen Ahnen in Afrika lebten und gemeinsame Vorfahren mit den Affen hatten. Die ältesten menschlichen Schädel, die Forscher bislang entdeckt haben, sind rund sieben Millionen Jahre alt und wurden im Tschad, in Zentralafrika, gefunden. Die Schädelknochen lassen ein kleines Gehirn vermuten, ganz wie bei einem Schimpansen, doch sind die Eckzähne schon deutlich kürzer. Und in dem ebenen Gesicht fehlt der vorspringende Mund.

“Australopithecus” und “Homo”
Die Evolution des Menschen

Der Australopithecus afarensis lebte vor etwa 3,9 bis 3 Millionen Jahren in Ostafrika

Nach diesem Urahn haben sich bis heute so viele Verwandte von uns entwickelt, dass selbst Forscher den Überblick verlieren: die älteren Vorfahren wurden oft “Australopithecus” getauft, das heißt: “der südliche Affe”. Den uns ähnlichen Arten haben Experten den Namen “Homo” gegeben – Mensch.

Wir selbst heißen übrigens Homo sapiens sapiens, was übersetzt so viel wie “der wissende wissende Mensch” bedeutet. Wie ist die neue Art entstanden? In Ostafrika, wo sich Teile des Kontinents aneinander reiben, türmen sich vor Millionen Jahren Berge auf.

Im feuchtheißen Westen dieses Gebirges hangeln sich unsere Vorfahren von Baum zu Baum. Ihre Verwandten im Osten dagegen, wo eine trockeneres und kühleres Klima herrscht, müssen sich an eine schier endlose Savanne anpassen, in der urzeitliche Löwen und Geparde herrschen.

Mit knapp über einem Meter Größe ist unser Vorfahr dort ein unauffälliger Bewohner. Er ernährt sich hauptsächlich von Pflanzen. Manchmal stürzt er sich mit den Geiern auf Aas, das ihm satte Raubtiere übrig lassen.

Das Gras der Savanne ist oft über einen Meter hoch. Bessere Überlebenschancen hat hier, wer es überschaut. Möglicherweise richten sich unsere Ahnen deshalb auf. Jedenfalls entdeckten 1974 Wissenschaftler in Äthiopien das gut drei Millionen Jahre alte Skelett eines Weibchens, dessen Beckenknochen auf einen aufrechten Gang hinweisen. Die Forscher haben das Weibchen Lucy genannt. Bis heute ist es das wohl berühmteste Skelett der Welt.

Aufrecht zu gehen hat einen großen Vorteil:

Unsere Vorfahren haben nun die Hände frei! Langsam, über viele hunderttausend Jahre hinweg, lernen sie, die Greifgeräte zu benutzen. Anfangs sammeln sie vielleicht Steine, um mit ihnen Knochen gefundener Tiere zu zertrümmern und das nahrhafte Mark auszusaugen.

Später fertigen sie kompliziertere Werkzeuge an: Sie schlagen Steine zu groben Messern zurecht, mit denen sich Nahrung zerkleinern lässt; Holzknüppel und spitze Keile eignen sich als Waffen. Immer besser kann sich der schwache Zweibeiner vor Raubtieren schützen und selbst Tiere erlegen.

Wie die Werkzeuge nun das Leben ändern! Bis dahin mussten die Bewohner der Steppe schnell laufen, um zu überleben. Jetzt ist Intelligenz gefragt: Wer schlau ist und mit Werkzeugen umgehen kann, kommt an Fleisch. Das wiederum enthält viel Fett und Eiweiß, die das Wachstum des Gehirns fördern – und mit mehr Gehirn kann man sich noch bessere Werkzeuge ausdenken!

Die Evolution des Menschen

Der Homo erectus lebte vor 1,8 Millionen bis 40 000 Jahren in Afrika und Asien

So wachsen allmählich die Denkapparate unserer Vorfahren: Lucy kam noch mit 400 bis 500 Kubikzentimeter Gehirnmasse aus, so viel, wie heute ein Schimpanse hat. Ihr Nachfahre, der Homo erectus (übersetzt: der aufrechte Mensch), der vor knapp zwei Millionen Jahren auftaucht, ist mit rund 1000 Kubikzentimetern schon ein Megahirn der Steinzeit.

Dieser 1,65 Meter große und 65 Kilogramm schwere Urmensch wird zum ersten Weltenbummler. Schon vor 1,7 Millionen Jahren siedelt er im Kaukasus und auf Java. Manche Forscher glauben, dass er sogar hochseetaugliche Flöße bauen konnte und damit von Indonesien nach Australien übersetzte!

Der Neandertaler

Die Evolution des Menschen

Der Homo neanderthalensis war vor 200 000 bis 270 000 Jahren in Europa und Vorderasien zu Hause

Während der Homo erectus noch Asien bewohnt, erobert ein eindrucksvoller Nachfahr von ihm bereits das kalte Europa: Der Neandertaler ist der kräftigste unter unseren Verwandten. Er hat nicht nur 30 Prozent mehr Muskeln als ein heutiger Mensch, seine Kniegelenke sind dick wie Pampelmusen! Ein grober Klotz – könnte man denken.

Aber inzwischen sehen Forscher in ihm eher einen urtümlichen Einstein: Denn hinter den wulstigen Augenbrauen verbirgt sich ein 1500 Kubikzentimeter großer Denkapparat (wir haben heute etwa 1400). Ein toller Typ! Mit Wurfhölzern, die er in aufsteigende Schwärme schleudert, erlegt der Neandertaler Vögel im Flug.

Er bestattet seine Toten – und ist erstaunlich eitel: Nicht selten schmücken Männer und Frauen ihre dicken Hälse und wuchtigen Hände mit Fuchszähnen, Elfenbeinperlen und Fingerringen. Ihre Beute brutzeln die Feinschmecker an Spießen über dem Lagerfeuer.

Die Kunst der Frühmenschen

Aus Innenohrknochen schließen Wissenschaftler, dass der Neandertaler auch ein perfektes Gehör gehabt haben muss. Vielleicht würde er heute Symphonien schreiben. Doch dann wandert vor rund 40 000 Jahren ein Konkurrent nach Europa ein, der seine Zukunft besiegeln wird – eben jener moderne Mensch, der vor 100 000 Jahren Afrika verlassen hat!

Nun beginnt ein zähes Ringen, das Jahrtausende währt: Neandertaler und moderner Mensch streiten um Jagdgebiete. Hin und wieder dürften sich die Nachbarn mit Steinen und Speeren beworfen haben. Vielleicht zeugen sie auch zusammen Kinder – aber nicht oft, das können Biologen heute mit Gentests beweisen.

Dann entwickelt der Einwanderer plötzlich ungeahnte Fähigkeiten: Vor etwa 30 000 Jahren entstehen kunstvolle Höhlenmalereien. Der vorher primitive Geselle flötet auf Schwanenknochen, brennt Tonfiguren, fischt mit Harpunen und näht mit Knochennadeln! Ob der Neandertaler der Konkurrenz auswich? Oder ob er den Klimawechsel nicht verkraftete? Auf jeden Fall ziehen sich die letzten der Kolosse in das heutige Spanien zurück. Dort sterben sie vor rund 27 000 Jahren aus. Der Homo sapiens sapiens hat die Welt endgültig in Besitz genommen.

Australopithecus anamensis

Australopithecus anamensis – übersetzt heißt dieser Vorfahr “Südaffe am See”. Er ist eine Mischung aus affen- und menschenähnlichen Eigenschaften, denn sein Schädel erinnert an Menschenaffen, die Jahrmillionen früher lebten. Aber sein Schienbein ähnelt eher der viel später erscheinenden Gattung Homo. Dieser Australopithecus konnte wohl schon aufrecht gehen.

Australopithecus afarensis

Australopithecus afarensis – dieser Urmensch ist einst durch Asche, die nach einem Vulkanausbruch den Boden bedeckte, gegangen. 3,6 Millionen Jahre später entdeckten Wissenschaftler deren Spuren. Ihr Aussehen rekonstruierte man aus Knochenfunden.

Kenyanthropus platyops

Kenyanthropus platyops – den “Kenia-Menschen mit dem flachen Gesicht” entdeckte ein Team um die Paläoanthropologin Meave Leakey 1999 am Turkanasee. Genauer: dessen stark zerdrückten Schädel. Die Forscher erkannten an dem Fund eine derart ungewöhnliche Kombination von Merkmalen.

Etwa das breite, flache Gesicht und die relativ kleinen Backenzähne -, dass sie ihn einer eigenen Gattung von Vormenschen zuordneten. Manche Wissenschaftler dagegen halten den Schädel für so zerstört, dass eine Bestimmung kaum gelingen könne.

Australopithecus africanus

Australopithecus africanus – der “afrikanische Südaffe” zählt wie die anderen Australopithecus-Arten wegen seines relativ leichten Körperbaus, speziell des Schädels und des Gebisses, zu den “grazilen” Australopithecinen. Er lebte in den lichten Waldgebieten des heutigen Südafrika.

Da er nicht schnell laufen konnte, flüchtete er vor Raubtieren auf die Bäume. Spuren an einem kindlichen Schädel lassen vermuten, dass dieses “Kind von Taung” Opfer eines Greifvogels geworden ist.

Paranthropus boisei

Paranthropus boisei – “Boises Nebenmensch”, so die Übersetzung seines wissenschaftlichen Namens, könnte den frühesten Vertretern der Gattung Homo in seiner Heimat begegnet sein. Mit gewaltigen Kaumuskeln, die an einem Knochenkamm auf dem Schädel ansetzten, und riesigen Backenzähnen konnte er härteste Samen knacken.

Dennoch ist auch dieser letzte Vertreter der “robusten” Australopithecinen ausgestorben, ohne Stammvater einer Menschheitslinie geworden zu sein – soviel man zumindest heute weiß.

 Homo rudolfensis

Homo rudolfensis – Bekannt geworden ist der Homo rudolfensisnach dem einstigen Rudolfsee – heute Turkana-See – in Kenya. Dort wurden 1972 seine Knochen gefunden. Vermutlich war er der erste Urmensch, der Werkzeug benutzte.

Homo habilis

Homo habilis – etwa zur gleichen Zeit wie der Homo rudolfensislebte der Homo habilis vor 2,1 bis 1,5 Millionen Jahren. Sein Skelett glich aber mehr dem eines Menschenaffen. Von Ostafrika aus wanderte er nach Süden.

Homo erectus

Homo erectus – Der Homo erectus nutzte bereits das Feuer, etwa um darüber die Spitzen seiner Holzspeere zu härten. Allerdings war dieser Urmensch noch nicht in der Lage, selbst ein Feuer zu entzünden; er “bediente” sich dafür zum Beispiel an durch Blitzeinschlag entfachten Bränden.

Homo neanderthalensis

Homo neanderthalensisDer Neandertaler hatte ein größeres Gehirn als die heutigen Menschen. Typisch für ihn sind die dicken Wülste über den Augen und das fliehende Kinn. Er war ein erfolgreicher Jäger und bestattete seine Toten.

Die Wiege stand doch in Afrika

In Äthiopien haben Forscher die bislang ältesten Überreste des modernen Menschen gefunden. Die 160.000 Jahre alten Knochen stützen die Theorie vom afrikanischen Ursprung des Homo sapiens.

 Kaum ein Forschungsgebiet ist so umstritten wie die Paläoanthropologie, die Lehre vom Ursprung der Menschheit. Nicht nur die Vorgeschichte, auch die unmittelbare Entstehung des Homo sapiens entzweit die Experten: Die einen siedeln seine Wiege in Afrika an, die anderen gehen davon aus, dass sich der moderne Mensch auf mehreren Kontinenten gleichzeitig aus Vorfahren entwickelte, die ihre afrikanische Heimat schon sehr viel früher verlassen hatten.

Ein neuer Knochfund aus Äthiopien stützt nun Afrikas Anspruch, den Homo sapiens allein hervorgebracht zu haben. Mit einem Alter von 160.000 Jahren sind die Schädel von zwei Erwachsenen und einem Kind die ältesten Überreste des modernen Menschen, die bislang gefunden wurden. Die bereits 1997 nahe dem Dorf Herto in der Awash-Region ausgegrabenen Fossilien stellen die Entdecker um Tim White von der University of California in Berkeley jetzt im britischen Fachblatt “Nature” vor.

Die drei Schädel stammen, wie die Wissenschaftler berichten, genau aus der Übergangszeit zwischen Vormenschen und modernen Menschen. “Aus diesem Abschnitt, der 300.000 bis 100.000 Jahre zurückliegt, fehlten uns bislang Übergangsfossilien”, erklärt White. “Die Fossilien aus Herto passen genau dort hinein. Mit den Schädeln können wir jetzt sehen, wie unsere direkten Vorfahren ausgesehen haben.”

Die Forscher um White hatten ihren Fund mit verschiedenen anderen Knochen verglichen, darunter solche von frühen Hominiden, Neandertalern und dem Homo sapiens sapiens. Obwohl die Schädel aus Äthiopien älter sind als viele europäische Neandertalerfunde, heben sie sich mit ihren modernen Zügen deutlich von diesen ab. Dies spricht den Experten zufolge dafür, dass die Neandertaler nicht, wie manche Fachleute glauben, eine Vorstufe zum Homo sapiens waren, sondern sich parallel entwickelten.

Der am besten erhaltene Schädel, wahrscheinlich der eines Mannes um die dreißig, ähnelt mit seinen dezenten Brauenwülsten und dem hochgewölbten Schädel so stark dem modernen Homo sapiens, dass die Forscher ihre Funde derselben Art zuschlagen. Um den afrikanischen Ahnen vom heute lebenden Homo sapiens sapiens zu unterscheiden, richteten sie eine neue Subspezies ein: Homo sapiens idaltu. Das Wort “idaltu” heißt in der Sprache der Afar, die in der Awash-Region leben, “der Ältere”.

Die Theorie vom rein afrikanischen Ursprung des Homo sapiens hatten zuletzt genetische Untersuchungen gestützt: Aus Veränderungen im menschlichen Erbgut schlossen Forscher auf eine “Eve” genannte Urmutter, die vor 150.000 Jahren in Afrika gelebt haben soll. Die bislang ältesten Fossilien moderner Menschen, die 1969 in der israelischen Qafzeh-Höhle gefunden wurden, sind schätzungsweise um die 100.000 Jahre alt.

Am äthiopischen Fundort entdeckten White und seine Kollegen auch Steinwerkzeuge und Knochen von Flusspferden, die anscheinend zur Beute von Homo sapiens idaltu zählten. Zwei Schädel lassen zudem Rückschlüsse auf einen Totenkult zu: Der aus zahlreichen Bruchstücken rekonstruierte Knochen des Kindes zeigt Spuren eines Werkzeugs, mit dem nach dem Tod offenbar die Muskeln von der Schädelbasis abgetrennt wurden, sowie polierte Bruchränder. In den zweiten Knochen sind parallele Linien geritzt.

Womöglich wurden die Schädel, die ohne Überreste des Körpers gefunden wurden, aufbewahrt und verehrt wie bei manchen Naturvölkern der heutigen Zeit. Auch rituellen Kannibalismus schließen die Forscher nicht aus: Die Bruch- und Schnittspuren lassen vermuten, dass das Gehirn aus dem Schädel entfernt wurde. “Weshalb das geschah”, so White, “können wir nicht sagen.”

SKLAVEREI: Verbrechen des Jahrtausends

 

Nach der Entdeckung Amerikas verschleppten Europäer Millionen Afrikaner in die Neue Welt. Der „schwarze Holocaust“ beschäftigt zunehmend die historische Forschung – aber auch Hollywood.
Im Juli 1839 segelte das spanische Schiff “La Amistad” vor der kubanischen Nordküste von Havanna zum Hafenort Guanajay. Eine Ladung von 53 Sklaven, frisch aus Afrika eingetroffen, sollte dort vor dem Verkauf aufgepäppelt werden. Die Eigentümer, Pedro Mantes und José Ruiz, befanden sich selbst an Bord.
Kurz vor Guanajay machte sich der Schiffskoch einen Spaß mit den verschreckten Afrikanern: Sie würden nun bald geschlachtet und zu Pökelfleisch verarbeitet werden. Der schlechte Scherz löste einen Aufstand aus. Geführt von einem jungen Mann namens Cinqué, zerbrachen die Sklaven ihre Ketten. Sie töteten den Kapitän und seine Mannschaft und nahmen Mantes und Ruiz als Geiseln: Die Händler sollten die “Amistad” zurück nach Afrika segeln.
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Doch die beiden Geschäftsleute tricksten die Aufständischen aus; sie steuerten das Schiff nordwärts in einen US-Hafen. Dort wurden die Afrikaner als Mörder vor Gericht gestellt, den Rädelsführern drohte die Todesstrafe. Aber Gegner der Sklaverei – unter ihnen der Ex-Präsident John Quincy Adams – erkämpften ihren Freispruch. Die Schwarzen durften in ihre Heimat zurückkehren.
Die Meuterei auf der “Amistad” beschreibt der Historiker Hugh Thomas als “eine der bemerkenswertesten Sklavenrebellionen” im 19. Jahrhundert. Der britische Gelehrte hat mit seinem Buch “The Slave Trade” die neueste und gründlichste Untersuchung des transatlantischen Sklavenhandels vorgelegt*. Noch nie wurde das Geschäft mit der menschlichen Ware, das vier Jahrhunderte blühte und seine Betreiber reich machte, so kenntnisreich und plastisch dargestellt.
In der größten erzwungenen Migration der Weltgeschichte wurden mindestens 13 Millionen Menschen unter grausamen Umständen von einem Kontinent zum anderen verschifft. Noch bevor Kolumbus Amerika entdeckte, hatten Mitte des 15. Jahrhunderts die Portugiesen mit dem Sklavenhandel begonnen; als letzter Staat verbot Brasilien die Sklaverei 1888.
Das Buch von Thomas erscheint zu einer Zeit, da auch Hollywood die Tragödie der Sklaverei einer breiten Öffentlichkeit in trivialisierter Form nahebringt: “Amistad”, die Story mit dem Happy-End, ist Stoff eines Steven-Spielberg-Streifens, der nächste Woche in Deutschland anläuft.
Nachdem er sich in “Schindlers Liste” dem Massenmord an den Juden gewidmet hatte, wollte Spielberg in “Amistad” dem schwarzen Holocaust ein Denkmal setzen. Die Zeitschrift “West Africa” feierte das Werk schon als “wichtigsten Film, der in diesem Jahrhundert gedreht wurde”.
Schwarze Amerikaner sehen in der Leidensgeschichte ihrer Vorfahren das “Verbrechen des Jahrtausends” und drängen die Regierungen in Washington und London, sich für das historische Unrecht und die Greueltaten zu entschuldigen. Präsident Bill Clinton ließ die Idee prüfen – konnte sich dann aber doch nicht dazu überwinden.
Afrikaner, etwa der inhaftierte nigerianische Demokrat Moshood Abiola, aber auch Nachkommen von Verschleppten in der Diaspora, so der schwarze britische Labour-Abgeordnete Bernie Grant, fordern darüber hinaus vom Westen materielle Wiedergutmachung für die historische Schuld. Ihr “African Reparations Movement” würdigt die Zahlungen der deutschen Bundesregierung an Juden und an den Staat Israel als Beispiel für helfende Sühne.
So unbestritten die Schuld der Europäer ist – der Sklavenhandel war weder ihre Erfindung noch ihr Privileg. In Afrika existierte die Sklaverei als Wirtschafts- und Gesellschaftsform schon lange bevor die Weißen dort landeten. Aber die europäischen Menschenhändler steigerten besonders nach der Entdeckung Amerikas die Nachfrage so, daß das Geschäft mit den
* Hugh Thomas: “The Slave Trade. The History of the Atlantic Slave Trade 1440 – 1870”. Simon & Schuster, New York, 1997; 926 Seiten; 37,50 Dollar.
Verschleppten einem Genozid ziemlich nahekam – unter tatkräftiger Mitwirkung lokaler schwarzer Machthaber.
In Westafrika, wo Grund und Boden traditionell der Gemeinschaft gehörten, schienen damals “Sklaven die einzige durch Brauchtum anerkannte Form von Privateigentum zu sein” (Thomas). Ihr Besitz dokumentierte Macht: Mansa Musa, der Sultan von Mali, verkaufte während seiner Pilgerfahrt nach Mekka 1324 in Kairo 14 000 Frauen, um die Reisekosten für sich und sein Riesengefolge aufzubringen.
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Die Araber waren noch vor den Europäern im Geschäft mit der Ware Mensch aktiv: Im Koran erscheint die Sklaverei als selbstverständlich, muslimische Händler aus Nordafrika raubten südlich der Sahara “Heiden” oder erwarben Schwarze im Tausch gegen Pferde.
Die Sklavenkarawane durch die Sahara kennzeichnete den Menschenhandel der arabisch sprechenden Völker; für die Europäer wurde das Sklavenschiff zum Symbol unmenschlichen Profitstrebens.
Zuerst kidnappten portugiesische Entdecker zu Zeiten Heinrichs des Seefahrers an Westafrikas Küste Menschen, um sie zu Hause zu verkaufen. Um 1460 leisteten sich Haushalte in Lissabon schwarze Sklaven als “modische Extravaganz” (Thomas). Einige Frauen der besseren Gesellschaft gönnten sich sogar exotische Domestiken als Liebhaber. Schwarze mußten in Portugal und Spanien in Häfen, auf Baustellen und auf Feldern schuften.
In großem Stil begann die Deportation der Afrikaner mit dem Zuckerrohranbau auf Madeira. Die Plantagen auf der portugiesischen Atlantikinsel brauchten Arbeitskräfte. Um den Nachschub zu sichern, errichteten die Portugiesen 1482 im heutigen Ghana die Küstenfestung Elmina; sie war die erste Bastion in einer Kette europäischer Stützpunkte, die als Umschlagplätze für Handelsschiffe und Zwischenlager für die menschliche Fracht dienten.
In Verliesen mit “Toren ohne Wiederkehr” warteten verängstigte Schwarze auf ihren Abtransport. Die Schreckensreise ging anfangs nur nach Europa, Madeira und zu den Kanarischen Inseln. Nachdem Kolumbus 1492 Amerika entdeckt und die erste Globalisierung des Welthandels eingesetzt hatte, folgte die gefürchtete “Middle Passage” in die Neue Welt: Portugiesen, Spanier, Franzosen, Holländer und Briten schafften Sklaven in ihre dortigen Besitzungen.
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Thomas hat errechnet, daß rund 6,5 Millionen Afrikaner in die Karibik und nach Mittelamerika und 4 Millionen nach Brasilien verschifft wurden. Direkt nach Nordamerika schafften die Frachter nur gut 500 000 Sklaven, die sich bis zur Abschaffung der Sklaverei am Ende des Bürgerkriegs 1865 auf etwa 4 Millionen Menschen vermehrten.
Die Bedeutung dieser Zwangsumsiedlung erhellt ein Vergleich: Zwischen 1492 und 1820 brachten Schiffe fünfmal so viele Afrikaner wie Auswanderer aus Europa in die Neue Welt.
In Amerika mußten die Afrikaner auf Plantagen und in Bergwerken arbeiten; die einheimischen Indianer hatten sich physisch und psychisch als ungeeignet dafür erwiesen. Deshalb wurden Blut und Schweiß von Schwarzen benötigt. “Die meisten großen Unternehmungen der ersten 400 Jahre Kolonisierung”, urteilt Thomas, “verdanken ihren Erfolg weitgehend afrikanischen Sklaven”: Brasiliens Goldminen, die Zuckerindustrie der Karibik, die Baumwollplantagen in Guayana und später in den südlichen US-Staaten.
Der neue Kontinent kurbelte den Welthandel gewaltig an, europäische Kaufleute machten Traumgewinne im sogenannten Dreiecksgeschäft: Ihre Schiffe brachten Glasperlen, Textilien und Werkzeuge nach Afrika; die Kapitäne tauschten dafür Sklaven zum Verkauf in Amerika; dort luden sie Erzeugnisse der Sklavenarbeit, wie Zucker und Edelmetalle, für die Rückfahrt nach Europa.
Dem Kreislauf verdankten Städte wie Nantes und Liverpool ihren Aufstieg. Die englische Hafenstadt zierte den Fries ihrer Handelskammer mit steinernen Köpfen von Afrikanern und Elefanten. Die Krämer empfanden keinerlei Unrechtsgefühl, schließlich mischten sogar Geistesgrößen der Zeit im Sklavenhandel mit – der Philosoph John Locke und der Mathematiker Isaac Newton kauften Anteile von Unternehmen wie der “Royal African Company” (RAC).
“Das nackte Überleben der Plantagen”, schrieb der RAC-Vorsitzende dem britischen König, “hängt an ihrer Belieferung mit Neger-Arbeitskräften.” Europas Herrscherhäuser vergaben Lizenzen für den Sklavenhandel und erhoben Umsatzsteuern. Den Päpsten erzählten die Fürsten, daß sie mit den Erlösen aus dem Geschäft mit den Afrikanern Kriege gegen Muslime finanzieren könnten. So deckten Politik und Geistlichkeit die Sklaverei, die Ethik der katholischen Kirche ließ sie noch bis ins 19. Jahrhundert zu, und auch der Reformator Martin Luther fand daran nichts Anstößiges.
Moralische Rechtfertiger gab es immer. “Als Bodensatz (der Menschheit)”, schrieb der Bürgermeister von Nantes, “neigen die Schwarzen von Natur aus zu Diebstahl, Raub, Faulheit und Verrat.” Eignen würden sie sich “ausschließlich zu einem Leben in Knechtschaft und zur Landarbeit in unseren Kolonien”.
Dank ihrer überlegenen Logistik verdienten die Weißen sogar am innerafrikanischen Sklavenhandel: Kapitäne erwarben von Häuptlingen in Angola preiswert Sklaven und transportierten sie nach Elmina. Dort verkauften sie ihre Ladung für Gold an die örtlichen Ashanti-Herrscher. Später beklagte ein holländischer Händler den Niedergang der afrikanischen Goldförderung: Die “Eingeborenen” führten nur noch “Kriege gegeneinander, um Sklaven zu erwerben”.
Die massenhafte Nachfrage der Weißen nach schwarzen Arbeitskräften zerstörte gewachsene afrikanische Wirtschaftsstrukturen. Billige Tauschware aus Europa machte traditionelle Handwerker, zum Beispiel Schmiede und Weber, arbeitslos. Ackerland lag brach, weil Sklavenjäger ganze Regionen entvölkerten. Historiker wie der britische Afrika-Experte Basil Davidson schätzen denn auch die Gesamtzahl der Opfer der “Sklavenindustrie” auf über 50 Millionen. Anders als Thomas zählen sie nicht nur jene Menschen, die per Schiff verschleppt wurden, sondern auch die Toten aus Kriegen und Hungersnöten.
Die Überfahrt in die Neue Welt war oft genug eine Reise durch die Hölle. “Der Gestank im Laderaum ließ sich kaum aushalten”, berichtete der Sklave Equiano. “Die Enge und die Hitze erstickten uns fast. Die Schürfwunden durch die Ketten schmerzten unerträglich. Schreie von Frauen und das Stöhnen der Sterbenden schufen eine Szenerie unvorstellbaren Schreckens.”
Kapitäne betrachteten die Sklaven als Ladung von Gütern. Anweisungen zum “Stauen” empfahlen “löffelhaftes” Stapeln: “Jeder Neger liegt auf seiner rechten Seite, weil das der Herztätigkeit besser bekommt.” Zwar hatten die Reeder ein Interesse daran, ihre Fracht möglichst vollzählig am Zielort abzuliefern. Schiffe führten deshalb eine Spezialzange (Speculum oris) mit, um apathischen Sklaven die Kiefer zu öffnen und sie zur Nahrungsaufnahme zu zwingen. Im 19. Jahrhundert wurden viele Afrikaner vor dem Transport sogar geimpft.
Aber die Sterberate blieb hoch. Widerspenstige Gefangene bestraften die Schiffsbesatzungen bestialisch. So hackten sie 1709 einem Aufwiegler auf dem dänischen Segler “Friedericius Quartus” zuerst die rechte Hand ab und zeigten sie allen Sklaven. Am nächsten Tag wurde dem Unglücklichen die linke Hand abgeschlagen, am übernächsten der Kopf. Den Rumpf ließ der Kapitän zur Abschreckung tagelang von der Großrah baumeln.
Portugiesische Schiffe transportierten in der 400jährigen Geschichte des Sklavenhandels die meisten Menschen aus Afrika über den Atlantik – Thomas schätzt 4,65 Millionen. Mit 2,6 Millionen folgten die Briten. Deutsche, die weder See- noch Kolonialmacht waren, spielten beim schwarzen Holocaust nur eine Nebenrolle:
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Das Augsburger Patriziergeschlecht der Welser erhielt 1528 vom spanischen König Karl I. die Lizenz, 4000 afrikanische Sklaven nach Südamerika zu verkaufen. 150 Jahre später errichteten die Brandenburger Handelsstützpunkte an Westafrikas Küste. Der Große Kurfürst bestellte für seinen Haushalt in Berlin “sechs Sklaven, zwischen 14 und 16 Jahre alt, hübsch und wohlgebaut”.
Die holsteinische Familie Schimmelmann nutzte ihre Profite aus Geschäften mit Friedrich dem Großen, um das Ahrensburger Wasserschloß bei Hamburg und Anteile an Sklavenschiffen zu erwerben. Doch unter Amerikas Quäkern, die schon 1775 die “Pennsylvania Society for the Abolition of Slavery” gründeten, profilierten sich Deutsche aus dem Rheinland als entschlossene Gegner der Sklaverei. “Die deutsche Presse in Nordamerika”, schreibt Thomas, “unterschied sich in einem von der englischen: Sie druckte im allgemeinen keine Anzeigen für Sklavenmärkte und keine Steckbriefe entflohener Sklaven.”
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Das allmähliche Ende des transatlantischen Sklavenhandels wurde eingeleitet – nach einer Tragödie, die vor allem in England die Gemüter bewegte: Der Großsegler “Zong” aus Liverpool verirrte sich 1781 mit 442 afrikanischen Sklaven an Bord in der Karibik. Verpflegung und Wasser gingen aus. Um wenigstens einen Rest des Geschäfts zu retten, ließ der Kapitän 133 Sklaven über Bord werfen. Sie hätten gemeutert und das Schiff in Gefahr gebracht, behauptete er hinterher.
Doch das Verbrechen wurde bekannt und mobilisierte Gegner der Sklaverei in aller Welt. Als erste Großmacht verbot Britannien 1807 den Sklavenhandel, es folgte ein europäischer Beschluß gegen die Sklaverei 1815. Auch in den jungen USA erließ der Kongreß 1807 ein Verbot – seitdem gab es keine legalen Einfuhren mehr aus Afrika oder der Karibik.
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Paradoxerweise rührte sich der stärkste Protest gegen die Abschaffung des Sklavenhandels in den schwarzen Lieferländern. So beschwerte sich der König von Bonny (im heutigen Nigeria) bei einem englischen Kapitän: “Dieser Handel muß weitergehen, das ist das Urteil unserer Orakel und Priester. Euer Land, und sei es noch so mächtig, kann nicht ein Gewerbe stoppen, das Gott selbst gesegnet hat.” Ein Herrscher in Dahomey hielt den Briten vor, er müsse Kriegsgefangene töten, wenn er sie nicht mehr verkaufen dürfe, und das sei doch “sicher nicht im Sinn der Engländer”.
Den Sinneswandel seiner Landsleute beschreibt Autor Thomas mit Stolz: “Britische Kaufleute waren im 18. Jahrhundert die bedeutendsten Sklavenhändler. Im 19. Jahrhundert unternahm ausgerechnet ihre Regierung einen Kreuzzug mit dem Ziel, dieses Geschäft zu zerstören.” Kriegsschiffe unter britischer Flagge jagten Sklaventransporter.
Aber es war nicht nur ein Sieg der Moral über Profitsucht. Thomas zitiert den Zeitzeugen Goethe, der seinen Eckermann über die “Engländer mit ihrem großen praktischen Verstande” aufschreiben ließ: “An der westlichen Küste von Afrika gebrauchen sie die Neger selbst in ihren großen Besitzungen, und es ist gegen ihr Interesse, daß man sie dort ausführe”. Die Engländer “predigen daher gegen den inhumanen Handel”.
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Die Wahrheit war, daß der inhumane Handel nicht mehr Maximalprofite abwarf. Nach der industriellen Revolution brauchte England zu Beginn des 19. Jahrhunderts für seine Maschinen massenweise Schmiermittel. Palmöl, der Grundstoff dafür, kam aus Afrika. Deshalb luden die Liverpooler Schiffe in Calabar (heute Nigeria) nicht mehr Sklaven für die Neue Welt, sondern Palmöl für Großbritannien.
Ist das Verbrechen an den Afrikanern mit dem Holocaust zu vergleichen? Wohl doch nicht, denn Ziel des Sklavenhandels war nicht Ausrottung einer Rasse, sondern Gewinnstreben. Daß der jahrhundertelange Aderlaß den Schwarzen Kontinent bis heute zurückgeworfen hat, steht indes außer Zweifel.
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Wie in allen Kapiteln der Menschheitsgeschichte standen sich auch im Sklavenhandel nicht nur Helden und Schurken gegenüber. Cinqué, der den Aufstand auf der “Amistad” angeführt hatte und von einem US-Gericht triumphal freigesprochen wurde, versuchte sich nach seiner Rückkehr in die afrikanische Heimat als Geschäftsmann – im Sklavenhandel. Spielbergs Film berichtet das nicht.

15. November 1884 Afrika wird auf Kongo-Konferenz in Berlin verteilt

Video Französisch: Conférence de Berlin

Video Deutsch: Berliner Konferenz

Video English: Berlin Conference

Als in Berlin Afrikas Schicksal beschlossen wurde

Vor 130 Jahren ging die Berliner “Kongo-Konferenz” zu Ende. Sie war der Auftakt für die koloniale Eroberung Afrikas. Die damals willkürlich auf dem Reißbrett gezogenen Grenzen prägen den Kontinent bis heute.

Kongo-Konferenz Berlin (Foto: akg)

Fünf Meter hoch war die Wandkarte, die den Tagungsort im Berliner Reichskanzlerpalais beherrschte. Ein Abbild des afrikanischen Kontinents, klar umrissen, Flüsse, Seen, einige Ortsnamen – und viele weiße Flecken. Vertreter von 13 europäischen Staaten sowie der USA und des Osmanischen Reiches waren der Einladung des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck nach Berlin gefolgt. Es ging darum, die “Handelsfreiheit” im Einzugsgebiet der Flüsse Kongo und Niger zu regeln – was nichts anderes bedeutete, als Afrika mithilfe des Völkerrechts in Beschlag zu nehmen. Als die Konferenz am 26. Februar zu Ende ging, hatten die Teilnehmer die Grundlagen geschaffen, um den Kontinent untereinander aufzuteilen. Diejenigen, die dort lebten, wurden nicht gefragt. Afrikaner waren zu der “Kongo-Konferenz” nicht geladen. Das Schlussdokument, die “Kongoakte”, wurde zum Fundament der Kolonialisierung.Die neuen Herren Afrikas tranchierten in den Jahren danach den Kontinent nach eigenem Gusto: Mal dienten Gebirge und Flüsse als Grenzlinien, mal waren es Längen und Breitengrade. Oder man zog die Grenzen einfach mit dem Lineal. Siedlungsgebiete zerschnitten, Handelsrouten gekappt Aus Sicht vieler Historiker ist die Berliner Konferenz mit ihrer “Kongo Akte” der Ausgangspunkt vieler innerafrikanischer Konflikte. “Afrika wurde aufgeteilt, ohne Rücksicht auf die bestehenden politischen, sozialen und wirtschaftlichen Strukturen zu nehmen”, sagt Olayemi Akinwumi, Geschichtsprofessor an der Nasarawa State University in Nigeria.

Otto Fürst von Bismarck (Foto: dpa)
Konferenzgastgeber Bismarck: Kontinent untereinander aufgeteilt

Die Siedlungsgebiete von mehr als jeder zehnten ethnischen Gruppe wurden auf einmal durch Grenzen zerschnitten. Handelsrouten wurden gekappt, weil es nicht mehr erlaubt war, Geschäftsbeziehungen außerhalb der eigenen Kolonie zu pflegen. Studien belegen, dass Regionen, die auf diese Weise zerrissen wurden, bis heute wesentlich stärker unter Bürgerkriegen zu leiden haben und häufig ärmer sind, als andere. “Die Kongo-Konferenz hat einigen Ländern einen irreparablen Schaden zugefügt. Viele Länder leiden noch heute darunter”, so Historiker Akinwumi.In vielen Fällen, beispielsweise in Kamerun, hätten die Europäer die örtlichen Gegebenheiten und Bedürfnisse völlig missachtet, ergänzt Michael Pesek, der sich an der Universität Erfurt mit der afrikanischen Kolonialgeschichte befasst. Die Forschung sei jedoch inzwischen davon abgerückt, die willkürliche Grenzziehung als entscheidende Ursache für Konflikte im postkolonialen Afrika zu sehen. Die Menschen hätten gelernt, mit den Grenzen zu leben, die oft nur auf dem Papier bestehen: “Grenzen sind wichtig für die geopolitische Landschaft Afrikas. Für die Menschen vor Ort haben sie vielfach keine Bedeutung.” Oftmals würden diese von den Grenzziehungen sogar profitieren – etwa durch Schmuggel.Kaum Konflikte um GrenzenIn den 1960er Jahren, als die afrikanischen Kolonien nach und nach ihre Unabhängigkeit erlangten, hätten die afrikanischen Politiker die Möglichkeit gehabt, die kolonialen Grenzziehungen zu revidieren – doch sie verzichteten darauf. “Die Mehrheit der Politiker hatte die wahrscheinlich berechtigte Sorge, damit die Büchse der Pandora zu öffnen”, so Pesek. “In Afrika hat es in den vergangenen Jahrzehnten zwar eine ganze Reihe an innerstaatlichen Konflikten gegeben, aber es gab kaum Konflikte um Grenzen.”

Infografik: Ethnien und nationale Grenzen in Afrika (DW-Grafik)

Für die heutigen Konflikte sei deshalb weniger die Festlegung relevant, welches Stück Land belgischer, britischer, französischer oder deutscher Herrschaft unterstand. Die Schuld der Kongo-Konferenzteilnehmer wird dadurch aber nicht geschmälert. Grund für viele Konflikte in Afrika sei nämlich, dass die Kolonialherren die Bevölkerung in bestimmte Volksgruppen einteilten. “Viele der ethnischen Zugehörigkeiten, die wir heute haben, waren im 19. Jahrhundert weitaus offener und beweglicher”, sagt der Erfurter Forscher Pesek. So verstanden sich etwa in Ruanda die Hutu und Tutsi in vorkolonialen Zeiten als soziale Gruppen. Ein Wechsel von der einen in die andere war durchaus möglich. Erst die koloniale Machtpolitik führte zu einer strikten Trennung beider Bevölkerungsgruppen – die dann 1994 zu dem grausamen Völkermord führte, bei dem rund eine Million Menschen ums leben kam.Forderung nach WiedergutmachungIm Jahr 2010, zum 125. Jahrestag der Kongo-Konferenz, forderten zahlreiche afrikanische Staaten eine Wiedergutmachung für die Folgen des Kolonialismus. Die willkürliche Aufteilung Afrikas Ende des 19. Jahrhunderts durch die europäischen Mächte stelle ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar, hieß es in einer Erklärung. Die Unterzeichner forderten unter anderem eine Entschädigung für gestohlenes Land und andere Ressourcen sowie die Rückgabe geraubter Kulturgüter. Zudem sollten der Kolonialismus und die damit verbundenen Vergehen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit anerkannt werden.

Deutscher Regierungsbeamter in Kamerun (Foto: dpa)Deutscher Regierungsbeamter während der Kolonialzeit in Kamerun: Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Passiert ist seitdem nichts. Für Michael Pesek und Olayemi Akinwumi, die Historiker aus Deutschland und Nigeria, ist das nicht verwunderlich: “Man redet so viel von Wiedergutmachung, vom Sklavenhandel oder vom Holocaust. Aber man spricht selten von all den Verbrechen, die europäische Kolonialmächte im Laufe ihrer Präsenz von über hundert Jahren in Afrika dort verübt haben”, sagt der Erfurter Pesek. Und sein afrikanischer Kollege Akinwumi resümiert: “Ich glaube nicht, dass es jemals eine Form von Wiedergutmachung geben wird.”

Zeit des Kolonialismus: Versklavung und Ausbeutung Afrikas

Als Kolonie bezeichnet man Länder oder Gebiete, die gewaltsam besetzt und von nicht einheimischen Regierungen verwaltet wurden. Die erste Phase der Kolonialisierung begann im 15. Jahrhundert. Im späten 19. Jahrhundert wuchs das Interesse der europäischen Großmächte an Eroberungen afrikanischer Ländererneut. Viele Staaten Europas wollten ihre Macht ausbauen, ihr Gebiet “erweitern” und die Rohstoffe anderer Länder für sich beschlagnahmen. Die dortigen Einheimischen wurden ausgebeutet, entrechtet, versklavt oder umgebracht.

Bereits im 15. Jahrhundert begann die erste Phase der Eroberungen Afrikas durch europäische Staaten. (Quelle: National Libary of Australia )

Bereits im 15. Jahrhundert begannen die Portugiesen damit, neues Gebiet zu erforschen und Wasserwege zu erkunden. Schnell schlossen sich die Niederländer, Franzosen und Spanier an, nachdem ein Weg zu den Handelspartnern in Süd- und Ostasien gefunden wurde. Mit Schiffen war es möglich, Güter weniger beschwerlich nach Asien zu transportieren als über den Landweg. Gleichzeitig waren auch keine Zwischenhändler mehr nötig. Da jedoch ganz Afrika umsegelt werden musste, wurden dort Stützpunkte verschiedener Nationen errichtet, die als Nachschublager und als Handelsposten dienten.

In der ersten Phase des Kolonialismus wurden immer mehr afrikanische Gebiete durch europäische Großmächte beschlagnahmt und ausgebeutet. Die dortigen Ureinwohner wurden bekämpft oder versklavt. Im Laufe der Jahrhunderte verlagerte sich die Vormachtstellung der Portugiesen zunächst auf die Holländer, später auf die Franzosen und Briten. Doch bis zum Ende des 19. Jahrhundert beschränkten sich die Kolonialmächte auf die Besetzung von Handelsposten entlang der Küste. Ein Großteil des Hinterlandes blieb lange Zeit unerforscht und unabhängig. Da die europäischen Kolonialmächte fortschrittlichere Waffen und große Armeen besaßen, schlugen sie Aufstände der Einheimischen blutig nieder. Oft wurden auch Verträge mit den Einheimischen geschlossen, in denen die europäischen Besatzer den dortigen Völkern Schutz vor anderen Kolonialherren zusagten. Im Gegenzug mussten die Einheimischen die Fremdherrschaft durch die jeweiligen europäischen Kolonialisten anerkennen.

Der Dreieckshandel bezeichnet den damaligen Handel zwischen den Kontinenten mit versklavten Menschen und Gütern, die die Kolonialmächte im Gegenzug dafür erhielten. (Quelle: Wikipedia)

Es wurde ein “Dreieckshandel” betrieben: Von Europa aus fuhren mit Textilien oder Manufakturwaren beladene Schiffe nach Afrika. Dort “tauschte” man die Ladung gegen versklavte Einheimische ein. Die Schiffe nahmen Kurs auf die europäischen Kolonien Amerikas, wo die Sklaven verkauft wurden. Auf dem mehrere Wochen andaurenden Seeweg transportierte man die angeketteten Sklaven zusammengepfercht unter unwürdigsten Bedingungen. Viele von ihnen verdursteten oder starben aus Entkräftung. Aus dem Erlös für die Menschensklaven erwarb man in Amerika zum Beispiel Zucker, Kaffee, Baumwolle, Tabak oder Indigo. Diese Gütern verschiffte man in die Heimat und verkaufte sie Gewinn bringend an europäische Händler. 1807 kam es zum Verbot des Sklavenhandels, und zunächst verloren die europäischen Großmächte ihr Interesse an neuen Eroberungen Afrikas.

Imperialismus: Wettstreit der Kolonialherrscher

Bei den so genannten “Kettengefangenen” war jeder Gefangene mit seinem Vorder- und Hintermann durch eine Kette verbunden. (Quelle: www.afrika-hamburg.de)

In der Hochphase des Imperialismus (lateinisch von “imperare”, bedeutet “herrschen”) im späten 19. Jahrhundert kam es allerdings zu einem regelrechten Machtkampf der europäischen Staaten (Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Portugal, Spanien, Italien und Belgien) um die afrikanischen Länder. Innerhalb von nur zwei Jahrzehnten kam es zur Besetzung fast des gesamten afrikanischen Kontinents. Die meisten Gebiete innerhalb Afrikas wurden 1885 auf der “Kongokonferenz” in Berlin zwischen den europäischen Mächten aufgeteilt. Die Landkarte Afrikas wurde grundlegend umgestaltet und willkürliche Grenzen teilten den Kontinent in britische, französische und deutsche Territorien ein. Die bestehenden Grenzen wurden dabei völlig ignoriert.

Fast alle afrikanischen Völker hatten bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts ihre Freiheit verloren. Die Regierungen sandten Menschen aus, um noch weitere unbekannte Gebiete zu finden. Diese besetzten sie dann, um Rohstoffe zu plündern und damit ihren Handel zu erweitern oder um die strategisch günstige geografische Lage auszunutzen. Die Besatzungsmächte standen immer mehr im Wettstreit, die “besten” Kolonien für sich zu beanspruchen. Zu den “Rohstoffen” der besetzten Länder zählten die Kolonialherren sogar Menschen, die in andere Länder verschleppt und anschließend als Sklaven verkauft wurden. Trotz des weit verbreiteten Verbots von Sklavenhandel wurden bis ins 20. Jahrhundert hinein viele Menschen versklavt und verkauft.

Die “Apartheid” Südafrikas teilte die Menschen nach Rassen: Afrikaner sah man als “minderwertig” und die Weißen als “überlegene Rasse” und “Herrenmenschen” an. Ungeachtet der bisher bestehenden Gesetze zwangen die Kolonialisten den Einheimischen ihre eigenen Gesetze und ihre Sprache auf. Nicht alle Völker gaben widerstandslos auf: Viele kämpften für ihre Freiheit, unterlagen jedoch der Überlegenheit der europäischen Waffen. Viele afrikanische Völker – vor allem die, die Widerstand leisteten – wurden von den Besatzungsmächten ermordet.

Man wollte die “Ungläubigen” bekehren und nahm ihnen ihre Rechte

Zur Zeit des Kolonialismus reisten viele Missionare im Auftrag der Kirche durch Afrika. Den Einheimischen wurde der christliche Glaube in vielen Fällen gewaltsam übergestülpt. (Quelle: National Libary of Australia )

Aber es gab auch noch weitere Motive, weshalb Gebiete von europäischen Staaten beschlagnahmt wurden. Beispielsweise sandte die Kirche Missionare aus, um die als “Ungläubige” bezeichneten Völker auch mit brutalen Methoden und Zwang zum christlichen Glauben zu bekehren. Viele Missionare erkundeten zudem unerforschtes Gebiet, das wenig später von den europäischen Armeen erobert wurde.

Man plünderte dabei nicht nur die Schätze des Landes, sondern man beraubte die Einheimischen um all ihre Rechte. Die Kolonialisten bestimmten über die Politik, die Wirtschaft und über die dort lebenden Menschen. Viele europäischen Missionare glaubten dabei noch, im “Auftrag der Menschlichkeit und Nächstenliebe” zu handeln. Doch in Wirklichkeit wollten sie den Einheimischen ihren Glauben und ihre (vermeintlich überlegene) Kultur überstülpen und brachten viel Leid und Unheil über das Land. Auch heute gesteht sich die christliche Kirche größtenteils keine Kritik über ihre “Missionierungsversuche” ein. Die willkürlich festgelegten Grenzen der Kolonialzeit sind noch immer Grund vieler Konflikte und Kriege innerhalb der verschiedenen Völker und Stämme Afrikas.

Anspruch auf den “Platz an der Sonne”

Die weißen Eroberer spielten sich als Herrenmenschen auf. Auf Kosten der einheimischen Afrikaner lebten sie im Luxus. (Quelle: www.afrika-hamburg.de)

Zunächst begannen vor allem Frankreich und Großbritannien mit Machtbestrebungen und Eroberungen afrikanischer Länder. Aber auch Deutschland, das mit seiner Kolonialpolitik erst einige Jahre später begann, wollte für sich einen “Platz an der Sonne” beanspruchen. Bodenschätze, Nahrungsmittel und Menschen wurden in das Heimatland der Besatzer oder zum Verkauf in andere Länder transportiert. Die Besatzungsmächte gewannen an Einfluss und wurden immer reicher. Somit konnten sie noch mehr Geld in die Erforschung neuer Gebiete und in die Errichtung neuer Kolonien investieren.

Das “Nord-Süd-Gefälle” – das auch heute noch besteht – wuchs unbarmherzig: In den nördlichen Erdteilen häuften die Nationen immer größere Reichtümer an, im Süden gab es immer mehr Armut. Viele reiche Europäer siedelten sich auch in den afrikanischen Ländern an, und lebten auf Kosten der Einheimischen im Luxus. Heute noch gibt es einige Gebiete in Afrika, in denen zum Beispiel fast ausschließlich Engländer oder Deutsche leben. Sie haben diese Orte völlig ihrer Kultur und Tradition angepasst und lassen viele Schwarzafrikaner gegen sehr niedrige Löhne für sich arbeiten.

Die afrikanischen Länder erlangten ihre formale Unabhängigkeit

Kolonien in Afrika im Jahr 1913. Im Jahr 1960 erlangten die meisten afrikanischen Länder zwar ihre formale Unabhängigkeit – wirtschaftlich und politisch sind die meisten von ihnen weiterhin in großer Abhängigkeit. (Quelle: Wikipedia)

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges (1945) begannen sich langsam Unabhängigkeitsbewegungen in den meisten afrikanischen Ländern zu bilden. Innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte wurden 50 Kolonien unabhängig. Für Afrika gilt 1960 als das Jahr der so genannten Dekolonisation, als die meisten Länder ihre Unabhängikeit zurück erlangten. Die von Portugal besetzten Länder wurden erst nach langen, blutigen Konflikten unabhängig.

Doch es blieben weitgehende politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Abhängigkeiten zu den ehemaligen Kolonialmächten bestehen. Bis heute fühlen sich die einstigen Besatzer verantwortlich für ihre Kolonien und beanspruchen ein Mitspracherecht für diese Länder. Die Entwicklungsländer stehen weiterhin in einer starken Abhängigkeit zu ihren ehemaligen Kolonialmächten.

Zudem entsprachen die Landesgrenzen, die die Kolonialisten zurückließen, nicht den ursprünglichen Grenzen zwischen den Völkern, die jeweils ihre eigene Sprache, Religion oder Kultur hatten. So kam es nach dem Aufheben der Kolonien zu gewalttätigen Auseinandersetzungen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen, die in den von den Kolonialmächten “geschaffenen” Staaten lebten. Bis heute dauern diese Konflikte zwischen den afrikanischen Völkern an, immer wieder kommt es zu blutigen Bürgerkriegen.

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